Der Sommer ist da. Dieses Jahr, Juni 2026, mit Temperaturen, die einen am liebsten flach auf die Couch legen, oder in den kühlsten Schatten, den man finden kann. Und trotzdem: du rollst die Matte aus. Gerade jetzt. Weil Yoga und Sommerhitze sich überraschend gut vertragen, wenn man ein paar Dinge beachtet, die ich mir selbst erst erarbeiten musste.
Der Körper ist geschmeidiger – ein echter Vorteil
Wärme ist die beste Freundin der Muskeln und Faszien, das merke ich jeden Sommer aufs Neue. Der Körper braucht weniger Zeit, um warm zu werden, die Gelenke sind beweglicher, Dehnungen gehen leichter von der Hand. Über 40 kennst du das Gefühl: morgens erst nach einer langen Aufwärmphase locker werden. Im Sommer fällt ein guter Teil davon einfach weg. Tiefere Dehnung. Mehr Körperbewusstsein. Ein intensiveres Erlebnis.
Thailand, ein russischer Lehrer und Fenster, die offen blieben
Warst du schon einmal in einem Yogastudio, in dem die Klimaanlage lief, aber niemand sie benutzte? Ich schon.
Angefangen hat für mich alles in Thailand. Ich lebte und arbeitete dort, und fast zufällig landete ich in einem kleinen Studio, geführt von einem russischen Lehrer, in Indien ausgebildet, fast jedes Jahr flog er zurück dorthin, um weiterzulernen. Seine Ashtanga-Klassen waren langsam und intensiv, er brachte uns Schritt für Schritt zu Dingen, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte, und stand dabei immer im Raum, neben uns, bereit zu stützen oder einen Schritt weiterzuschieben.
März, April, das war die heisseste Zeit in Thailand. Wir übten abends, trotzdem: 35 Grad. Fenster offen, das ganze Jahr über, ab und zu ein Durchzug, das war die einzige Erfrischung, die es gab. Die Klimaanlage stand im Raum, ja. Genutzt hat er sie kaum, vielleicht kurz zu Beginn, um dem Raum eine Ahnung von Kühle zu geben, dann wurden die Fenster wieder geöffnet.
Irgendwann habe ich mich getraut, ihn darauf anzusprechen. Seine Antwort, trocken, ohne zu zögern: Die alten Yogis in Indien hatten auch keine A/C.
Das sass. Und blieb.
Yoga reguliert die innere Hitze
Vielleicht erklärt diese Geschichte am besten, was die Yoga-Philosophie mit Tapas meint – der inneren Wärme, die durch die Praxis entsteht und uns transformiert. Im Sommer begegnen wir dieser Energie täglich, in Form von Hitze, Licht, Intensität. Statt dagegen anzukämpfen: lernen, sie zu kanalisieren. Bestimmte Pranayama-Techniken wie Shitali (das kühlende Atmen durch die gerollte Zunge) oder Sitkari helfen, die Körpertemperatur aktiv zu senken. Sie beruhigen das Nervensystem. Erfrischen, ganz ohne Klimaanlage.
Sanfte Praxis statt Leistungsdruck
Wenn die Hitze drückt, ist ein ruhiger, meditativer Yogastil oft klüger als Leistungsdruck. Yin Yoga, Restorative Yoga, eine sanfte Hatha-Sequenz: lange, gehaltene Positionen, tiefenentspannend, sie fördern die Durchblutung, helfen dem Körper, überschüssige Hitze loszulassen. Kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Das bewusste Verlangsamen ist eine der wertvollsten Fähigkeiten, die Yoga lehrt, und im Sommer wird sie besonders spürbar belohnt.
Früh morgens – die magische Stunde
Eine Yogastunde kurz nach dem Aufwachen, wenn die Luft noch frisch ist und die Welt noch still: eine der schönsten Erfahrungen, die diese Praxis zu bieten hat. Die Sinne wach, die Gedanken noch unbelastet, das Licht golden und sanft. Balkon, Garten, See – Yoga in der Natur am frühen Morgen verbindet uns mit dem Rhythmus des Sommers. Ein Gefühl von innerer Stärke, mit dem der Tag beginnt. Auch deshalb machen wir die Hormon Yoga-Klassen morgens um 7.35 Uhr, jede Teilnehmerin an ihrem eigenen Lieblingsort, über Zoom.
Yoga hilft gegen Sommermüdigkeit
Hitze kostet Kraft. Träge, antriebslos, erschöpft – das kennst du. Yoga, richtig eingesetzt, wirkt dem entgegen. Sanfte Inversionen wie Viparita Karani (Beine an die Wand) fördern den venösen Rückfluss, entlasten die Beine, helfen gegen das Schwere-Gefühl nach einem langen, heissen Tag. Ruhige Atemübungen aktivieren das parasympathische Nervensystem und geben dem Körper, was er in der Hitze braucht: Erholung.
Praktische Tipps für die Sommeryoga-Praxis
- Zeitpunkt wählen: Früh morgens (vor 9 Uhr) oder abends (nach 19 Uhr). Die Mittagshitze meiden – ich übe im Sommer grundsätzlich nicht zur Mittagszeit.
- Viel trinken: vor und nach der Praxis, am besten Raumtemperatur oder leicht warm, kalte Getränke stressen den Körper.
- Leicht bleiben: mindestens zwei Stunden nach dem Essen warten.
- Stil anpassen: im Sommer eher Yin, Restorative oder sanftes Hatha, intensive Stile wie Ashtanga besser in die kühlen Morgenstunden legen.
- Draussen üben: auf Gras, dem Balkon, im schattigen Innenhof – der Kontakt mit der Natur verstärkt die Wirkung.
- Auf den Körper hören: Schwindel oder starkes Schwitzen sind Signale zum Innehalten und Trinken.
Fazit: Der Sommer ist eine Einladung
Die Hitze zwingt uns zur Langsamkeit, und genau das ist der Kern von Yoga. Yoga im Sommer ist kein Kraftakt, sondern ein Geschenk. Roll die Matte aus – am besten noch am Morgen, bevor die Sonne zu hoch steht. 🌞
